Vom Mutterinstinkt zum liebevollen respektierenden Miteinander

Wieso schiebst du deinen
TRAUM
auf die lange Bank?

Hier ist die Lösung!

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Was tust du, wenn dich dein Kind beisst und schlägt? Zurückschlagen, zurückbeissen? Sagen, ich habe dich nicht lieb, wenn du mich verletzt?

Nächtelang habe ich mich mit der Suche nach Antworten gequält. Ausschlaggebend war ein Vorfall, wobei mich unsere Matrosin mit voller Wucht in den Oberschenkel gebissen hatte. Trotz mitteldicker Jeans, gruben sich die Zähne tief in mein Gewebe und es blutete. Ich war so traurig und gab ihr verbal zu verstehen, so geht es nicht weiter. Nun weinten wir beide.

In einem unruhigen wälzenden Moment, mitten in der Nacht, kam mir die Antwort direkt durch das Schiffsluk in den Schoss geflogen: Es ist nicht die Frage nach dem nachträglichen Tun, also dem Handeln, sondern nach dem präventiven Wieso und Weshalb.

Was bringt mein Kind so in Rage, dass es nur noch den Ausweg des Beissens gehen kann? Es war an der Zeit alle unschönen Situationen zu reflektieren und hinterfragen, denn ich möchte keine kräftigen Hiebe mehr einkassieren. Meine 24-monatige Matrosin soll keine Gewalt, weder spüren noch ausüben.

Doch wie definiert sich für mich Gewalt überhaupt? Wird sie nur durch physischen Kontakt ausgeübt oder auch durch Worte, Ausdrücke und Gesten?

Die Matrosin ist schon immer sehr willensstark und im Kopf oft etwas weiter als körperlich und ihrem Alter entsprechend. Das führt vor allem in der Autonomiephase, nach ihrem zweiten Geburtstag, zu unzähligen Ausbrüchen durch angestauten Missmut. Des Weiteren haben wir, ihre Eltern, so unzählige ausgesandte Zeichen ihrerseits ignoriert oder missverstanden. Beissen, exzessives Schreien und Schlagen ist die letzte Instanz über das ein Kleinkind noch verfügt um sich mitzuteilen.

Kann es denn sein, dass meine süsse liebevolle und soziale Matrosin zu einem nervigen Tyrannen wird? Mich als Elternteil stimmt es äusserst traurig auf einmal keinen Draht und Weg zu meinem Kind mehr zu finden. Zudem habe ich festgestellt, dass die Matrosin vermehrt Angstanzeichen hat, wenn wir Grossen laut werden, sie versuchen an einen anderen Ort zu zerren oder ihr ungefragt etwas aufzwingen wollen. Das wollte ich niemals! Ein Kind soll sich nie fürchten müssen vor den Eltern, sondern bei ihnen Schutz und Geborgenheit finden dürfen. Notstopp!

Bis dahin haben wir eine Erziehungsmethode gewählt, welche auf Auszeiten oder der Stillen Treppe basiert. Das lief mit der Matrosin in drei Phasen ab. Die Erste: Mit Euphorie stellten wir fest, es funktioniert wirklich. Es genügte ein Blick und sie ging von alleine zu ihrem Auszeitörtchen. Die Zweite: Brüllen und weinen wie am Spiess. Die Dritte: Anfängliches auf dem Po vom Stillen-Ort-Wegrutschen wurde mit einem hämischen Lachen gepaart, welches sich so anhörte und -fühlte wie die Laute von Joker im Film Suicide Squad. Einfach gruselig.  Danach haben wir diesen Erziehungsstil aufgeben. Warum das für uns so nicht funktionieren konnte, ist mir heute auch klar.

Doch wie ging es denn jetzt weiter? Der Kapitän und ich waren uns schon immer einig: Wir wollen unsere Kinder gewaltfrei und mit Liebe aufziehen. Doch machten wir das wirklich? Das Wie lag schon immer in meinen Händen. Falls eine Änderung in Bezug auf Erziehung oder mittlerweile besser gesagt Beziehung ansteht, suche ich einen Ansatz. Wir besprechen die Ideen und Geschehnisse, versuchen unsere neu gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen und unterstützen uns gegenseitig.

Mit dem Absprung aus dem Hamsterrad vor knapp sechs Monaten kam der wichtigste Helfer zu mir zurück: Der Mutterinstinkt. Sein Rat und seine Hilfestellung erklingen immer lauter in meinem Kopf. Seit ich diese Anweisungen höre, zulasse und in unser Leben integriere entdecke ich neue hoffnungsvolle Wege und lösungsorientierte Ideen regnen nur so über mich herab. Diese Erkenntnis ist nur eine, welche uns unser facettenreiches Projekt «meer leben» gibt.

Dieser Prozess kam jedoch schleichend und es ist echt ein hartes Stück Arbeit um zu sich selbst und sich als Mutter zu finden und lasst euch gesagt sein, abgeschlossen ist er noch lange nicht. Wird er das jemals sein?

Die neugewonnenen Ansichten und Gefühle führten uns auf einen wundervollen Weg, der sich folgendermassen äussert:

Der Matrosin zuhören und ihr Raum und Zeit lassen, sich mitzuteilen.

Ihre Körpersprach lesen und verstehen.

Einfach mal nachfragen und warum soll das jetzt so sein?

Sich in sie hineinversetzen und hineinverstehen.

Möchte ich so behandelt werden, wie ich jetzt gerade mit der Matrosin umgehe?

Ist es jetzt wirklich nötig Druck auszuüben um mein Ziel zu erreichen?

Ist denn mein Ziel als Erwachsener das Richtige?

Muss ich sie jetzt wirklich am Arm zerren, sie hochheben um sie örtlich zu verschieben?

Was sind denn ihre Interessen in dieser Situation?

Kann mein Kind überhaupt zu viel Liebe erfahren?

Erklären vom Wieso, Weshalb und Warum.

Nur weil ich ihr körperlich überlegen bin, muss ich das nicht ausnutzen.

Wieso soll ich eigentlich die Matrosin nicht in den Schlaf kuscheln, sie streicheln?

Warum soll ich meinem Kind eine Lüge auftischen, verträgt es die Wahrheit nicht?

Warum habe ich ihr gesagt: Spiel das doch richtig? Gibt es überhaupt ein richtig?

Kann ich die täglichen Neins reduzieren?

War es jetzt nötig laut zu werden, nur weil das Glas umgekippt ist?

Die Matrosin wird nicht mehr gezerrt. Auch nicht angefasst, falls sie das nicht möchte.

Neins werden respektiert.

Seit ca. fünf Wochen lassen wir uns von diesen Fragen und deren Antworte leiten. Es ist ein grosses Ausprobieren, Verstehen und Lernen.

Ich habe mich mit meiner Tochter hingesetzt und ihr erzählt, dass sich so einiges ändern wird und das einzige, was sie tun solle: Folge deinem Herzen und erzähle mir davon. Ihre Reaktion liess meine Tränen kullern. Sie schaute mir so tief in die Augen bis sie meine Seele berührte. Es war so unglaublich schön und liebevoll, so muss sich eine Umarmung eines Engels anfühlen. In dem Moment konnte ich in ihren Augen so viel Ablesen. Mir wurde auf eine ganz neue Weise schlagartig klar: Du bist ein eigenständiger einzigartiger Mensch. Du brauchst dir unsere Liebe nicht zu verdienen, sondern bekommst sie einfach, ohne Wenn und Aber. Du darfst so sein wie du bist. Du brauchst dich nicht zu verbiegen oder in eine Schublade stecken lassen. Sei frei. Entdecke das Leben und rufe uns, falls Unterstützung nötig ist.

Die Matrosin hat von Beginn an positive Veränderung gezeigt und es wurde wesentlich ruhiger an Bord der SY Laya von Familie Grundlehner.

Erstaunlich was sich in einer so kurzen Zeitspanne von wenigen Wochen verändern kann: Wir kuscheln häufiger. Fühlen uns gegenseitig akzeptiert. Keiner hat mehr Angst auf eine neue Situation zu treffen. Das Verständnis füreinander ist gestiegen. Die Matrosin spielt freier und ihre Fantasie sprudelt aus ihr heraus. Ihre Entwicklung hat rasante Fortschritte gemacht. Sie ist nicht mehr erstarrt vor Reaktionsunvermögen. Sie kann sich mitteilen und wir verstehen ihre Zeichen besser. Ihr Körper ist wesentlich entspannter. Wir Grossen sind wesentlich entspannter. Der familiäre Zusammenhalt ist gestiegen. Das Vertrauen ist zurück. Meine Liebe und Zuneigung zur Matrosin verstärkt sich mehr und mehr. Ich fühle mich meinem Kind verbundener als zuvor. Und und und…

Dr. Google spukte mir zu meiner Recherche folgendes aus: Unsere derzeitige Lebensführung als Familie kommt dem amerikanischen Attachment Parenting oder der Deutsch genannten beziehungs- und bindungsorientierter Erziehung am nächsten.

Dank diesen Begriffen konnte ich in sozialen Netzwerken andere Personen finden, welche ähnlich denkend sind. Der Austausch und Erfahrungsschatz in solchen Gruppen ist gross und enorm vielfältig. Man wirft eine Frage oder Anregung in den Raum, bekommt dann differenzierte Lösungen welche für diese Familien passten und versucht sich dann selbst. Gerade dann, während dieses Versuchens findet man seinen eigenen Weg. Der beste Workshop ist dein eigenes Leben.

Auf die kommende spannende Zeit freue ich mich sehr, denn es gibt noch so viel Erstrebenswertes. Das Abendteuer soll weitergehen und wir sind offen für die Entdeckungen des Lebens.

Ein Erfahrungsbericht mit konkreten erlebten Situationen und wie wir diese gemeistert haben, wird folgen.

 

mutterinstinktmiteinander

Mütter halten ihrer Kinder Hände für eine Weile und ihre Herzen für immer. “Unbekannt”

Jessica

Jessica

Capitana @ SY Laya, Mommy, Labortussi, Funkerin, responsible for all medical questions
Jessica

6 thoughts on “Vom Mutterinstinkt zum liebevollen respektierenden Miteinander

  1. Hallo Jessica
    durch meinen Mann, der auch ein begeisterter Segler ist (und der auch mit uns als Familie – unsere Tochter ist übrigens gleich alt, auch Juli ’14 – um die Welt segeln möchte;)) bin auch auf Deinen Blog aufmerksam geworden. Ich finde es toll, wie ihr den Umgang mit Eurer Tochter reflektiert und auch den Mut wagt, vom eingefahrenen und tradierten Umgang mit Kinder wegzukommen, hin zu einer gleichwürdigen Beziehung. Ich setzte mich schon länger mit diesen Themen auseinander und als ich Deinen Eintrag las, kam mir sofort ein Buch, dass ich Dir als Tipp dalassen möchte, in den Sinn:
    Kohn, Alfie (2010): Liebe und Eigenständigkeit – Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung (6. Auflage). Freiburg im Breisgau: Arbor Verlag.
    Das geht genau in die Richtung, welche Du beschreibst. Eventuell bist Du ja mittlerweile selbst darauf gestossen….
    Herzliche Grüsse aus der Schweiz
    Alexandra

  2. hallo jessica
    hast du schon einmal von der vertrauenspädagogik gehört?
    das könnte dich interessieren! :)
    grüsse eveline

  3. Wooooow!
    Was für ein Bericht!
    Danke 1000, dass du mich (uns Leser) daran teilhaben lässt!

    Ich bin so begeistert! Habe dank SRF bi de Lüt von euch erfahren und finde es grossartig, dass ihr diesen Schritt gewagt habt! Und v.a. die Gründe dafür! ;-) très sympa!!

    Dieser Einblick nun in euer Familienleben und das, was euch beschäftigt, hat mich auch berührt. Insbesondere dieser Abschnitt, der es so gut auf den Punkt bringt:

    “Mit dem Absprung aus dem Hamsterrad vor knapp sechs Monaten kam der wichtigste Helfer zu mir zurück: Der Mutterinstinkt. Sein Rat und seine Hilfestellung erklingen immer lauter in meinem Kopf. Seit ich diese Anweisungen höre, zulasse und in unser Leben integriere entdecke ich neue hoffnungsvolle Wege und lösungsorientierte Ideen regnen nur so über mich herab. Diese Erkenntnis ist nur eine, welche uns unser facettenreiches Projekt «meer leben» gibt.”

    Mir scheint, ihr habt den Meerwert/Mehrwert – der fliegt euch/uns zwar nicht einfach in den Schoss; aber wenn man sich aufmacht, nicht gleich bei der ersten Hürde das Ziel aus den Augen verliert und alles hinschmeisst, sondern auch bereit ist, etwas (von sich) zu investieren — dann, ja dann werden die gewünschten Werte im Leben realisierbar.
    Mehrwert/Meerwert.
    Ich bin auch gerade in diesem Prozess – spannend und herausfordernd und verheissungsvoll in einem! :-)))

    Liebe Grüsse und weiterhin viele wundervolle Erfahrungen und Entdeckungen,
    alles Liebe,
    Ruth

    1. Hola liebe Ruth
      Danke dir für deinen Comment. Es tut gut, wenn man erfährt, andere machen gerade die selbe oder eine ähnliche Situation in ihrem Leben durch.
      Auf die kommenden Erfahrungen und Entdeckungen freue ich mich sehr!
      Grüsse aus Arrecife, Lanzarote
      Capitana, Jessica

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