Wie wir uns verändern – Vor meer leben und die Anfänge

Die letzten Wochen waren emotional und auch körperlich extrem herausfordernd. Die Arbeit wollte nicht Enden und die Woche hatte sieben Arbeitstage. Pausen wurden wenig gemacht.

Der eine hat den anderen immer wieder motiviert und aufgebaut. Der Stress nagte an unserer Gesundheit. Mit viel Zusammenhalt und langen Gesprächen fanden wir immer einen Weg weiter zu machen. Wir haben eine so einige Tiefs und Hochs gemeinsam durchlebt.

Wie es uns so erging könnt ihr in den folgenden Zeilen lesen.

Entscheidung zu meer leben, Januar 2015

Amyra

Ahnte von ihrem Glück noch nichts und verhielt sich wie immer. Ihre Krippenplatz haben wir gekündigt, da wir uns entschieden hatten, dass Jessica nicht mehr arbeiten geht.. Sie war ein perfektes KiTa-Kind und hat sich sehr schnell eingewöhnt. Gerne hätten wir sie noch einige Monate da gelassen, die Finanzen liessen dies jedoch nicht zu, ausserdem wollten wir den anderen Familien nicht im Wege stehen, die darauf angewiesen sind.

 

Jessica

Euphorie hoch zehn, am liebsten wäre sie gleich los. Sie kündete ihre Arbeitsstelle (hätte im Februar 2015 nach dem Mutterschaftsurlaub wieder angefangen). Zuhause fiel ihr dann so oft die Decke auf den Kopf, da sie so gerne in ihren Job zurück gegangen wäre und sich nicht “nur” als Hausmutti identifizieren konnte. Die Tätigkeit in der SLRG Sektion Romanshorn gaben ihr den dringend benötigten Ausgleich zum Familienleben.

 

Christian 

Befaste sich erstmalig mit der Kündigung und wusste alles noch nicht ganz richtig zuzuordnen. Nebenbei begannen für ihn die stundenlangen Recherchen primär im Internet für alle möglichen und unmöglichen Schiffsutensilien und Umbauarbeiten.

 

Familie

Wir waren voller Glück und Vorfreude. Endlich ist die Entscheidung gefallen. Noch besser ging es uns, als wir Ende Februar unsere Pläne der Familie und Freunden mitteilten.

Wir ahnten: Es wird eine sehr strenge Zeit, jedoch war die Realität noch weit weg.

Vorbereitung, Romanshorn

Amyra

Die letzten drei Monate vor der Abreise hat sie oft geweint. Ab Februar 2016 haben wir sie während einer Woche hohem Fiebers, das nicht zu bändigen war zu uns ins Schlafzimmer geholt und auch gelassen. Wir wollten sie nicht alleine in ihrem Zimmer lassen und ihr auch nachts viel Nähe geben.

Ihre Verlustängste wurden schlimmer und am liebsten hätte sie uns für ewig zusammengebunden, keine durfte den Raum verlassen. Morgens wenn Christian zur Arbeit ging, flossen Tränen und sie suchte und rief nach ihm.

In ihrer Entwicklung hat sie kaum noch Fortschritte gemacht, eher Rückschritte. Sie brauchte wieder vermehrt eine Windel, nuckelte dauerhaft, sprach weniger, hatte plötzlich Angst vor Alltagsgegenständen wie dem Föhn, Staubsauger oder der Treppe.

Zum Ende hin konnten wir nur noch Schachteln einpacken und vor allem ihre Sachen weggeben, wenn sie nicht im Hause war oder friedlich schlummerte, sonst brach die Hölle los.

Wir erklärten ihr Tag für Tag, warum wir das alles machen und dass wir alle drei diese Reise antreten, keiner bleibt zurück. Vor allem ich habe sie vermehrter in der Kindertrage getragen, so konnte sie sich besser entspannen und gleichzeitig die Nähe von mindestens einem Elternteil spüren.

 

Jessica

Alle wichtigen Sachen wurden während der Schlafenszeit von Amyra erledigt. Ich war gut durchorganisiert und managte alles was nicht mit dem Schiff zu tun hatte. Die Vorfreude gab mir jeden Morgen neue Energie und Motivation die Tagesziele zu erreichen.

Die Auflösung eines Haushalts mit dem Pflegen aller Inserate (Teilweise 42 gleichzeitig aufgeschaltet) entpuppte sich zeitweise als Ganztagsjob. Nebenbei habe ich mich um den in der Zukunft liegenden Hausrat an Bord gekümmert und alle Gesundheitsfragen für das Leben auf dem Meer abgearbeitet.

Das Asthma kündigte sich im Januar mit voller Wucht an. Seit Beginn der Schwangerschaft Nov. 2014 konnte ich ohne Medikamente sehr gut auskommen. Das versetzte mir einen enormen Tiefschlag.

 

Christian 

Er war für alles rund um das Segelschiff verantwortlich. So viele Entscheidungen musste er in einem Jahr noch nie fällen. Er nagte manchmal tagelang am gleichen und überlegte hin und her, teilweise raubte es ihm sogar den Schlaf.

 

Familie

Uns war das Abendessen immer äusserst wichtig um wenigstens eine halbe Stunde Familytime zu geniessen. Christian nutzte die Zeit zwischen Essen und Schlafen um mit Amyra zu spielen.

Ab ca. 20.00 Uhr war für uns Erwachsene Redenszeit und wir rapportierten gegenseitig, was wir alles geschafft haben und erstellten Pläne, to do Listen, oder kuschelten einfach mal ausgiebig auf dem Sofa.

Kurz vor der Abreise, Romanshorn, April 2016

Amyra

Ihre Verlustängste wurden noch stärker, Daddy durfte nicht einmal das Auto alleine in die Tiefgarage fahren ohne sie. Sie durfte viel bei ihren Grosseltern sein, da konnte sie sich wenigstens für ein paar Stunden entspannen und war ausserhalb der hektischen Schusslinie von Mami und Daddy. Von ihnen bekam sie auch die dringend notwendige Aufmerksamkeit und stand dort an erster Stelle. Vom Dauernuggeln hatte sie rund um den Mund kleine Entzündungen bekommen.

 

Jessica

Das Asthma verstärkte sich noch zusätzlich durch den Stress. Zudem wollte ich stehts alles perfekt erledigen und ein fast perfekt lies ich mir selbst nicht zu. Falls ein Punkt auf der Tages-To-Do-Liste nicht erledigt werden konnte, war das ein kleiner Weltuntergang. Körperlich total verspannt, der Rücken teilweise steinhart, was wiederum die Atemprobleme verstärkten. Durch die emotionale Anspannung wurde ich einiges dünnhäutiger und die Tränen flossen schneller, und länger. Meine Konzentration liess nach. Das Schlafen empfand ich nicht mehr wirklich als erholsam.

 

Christian 

Wälzte sich nachts zunehmends von links nach recht und knirschte oft stark mit den Zähnen. Vergesslicher und zunehmend müder.

 

Familie

Allgemein waren wir viel anfälliger für Streit und emotionale Ausbrüche in alle Richtungen.

Abends wurde immer heftig gekuschelt ,umarmt und geredet, um uns gegenseitig den Stress und die Last abzunehmen und vor dem Schlafengehen Ballast abzuwerfen.

Irgendwie haben wir es dann geschafft alles zu erledigen und die Haustüre hinter uns zu schliessen. Ein saukomisches Gefühl. Haben wir wirklich alles erledigt?

 

Start, Lübeck April/Mai 2016

Amyra

Sie war total aufgedreht bei der Ankunf in der Ferienwohnung, wie ein Eichhörnchen auf Red Bull. Am nächsten Morgen sagte sie plötzlich neue Wörter und signalisierte sogar “Ich muss mal aufs Töpfchen”.

Nach ca. einer Woche gab Amyra morgens sogar ihren Nuggi freiwillig ab. Nun konnten endlich die wunden Stellen im Gesicht abheilen.

Das Werftgelände war ihr Spielplatz und sie durfte sich so richtig austoben und auch mal aus Styropor Schnee produzieren.

 

Jessica

Das Asthma klang vor allem während den Strandaufenthalten schnell ab und gab mir neue Lebenskraft, dennoch oft müde.

Ich sammelte all meine Kräfte um für meine beiden Schätze stark zu sein. 24h am Tag kümmerte ich mich praktisch alleine um Amyra, sodass ich Christian den Rücken frei halten konnte. Das Verlangen nach meinen Kaffe-Klatsch-auch-Mutti-Freundinnen aus der Schweiz wurde immer grösser. Teilweise dachte ich, jetzt schmeisse ich alles in die Ecke und beame mich für einen Tag lang weg. Leider hat die Zeit nicht mal für einen Wellness-Tag gereicht.

 

Christian 

Arbeite wie ein Stier und Pferd zusammen. Er hat es dann einmal übertrieben und lang einen Tag mit Migräne auf dem Sofa.

Manchmal wurde es spät, bis Christian zurück in die Wohnung kam.

 

Familie

Das Familienleben kam zu kurz. Wir bemühten uns, wenigsten eine Mahlzeit am Tag zusammen zu verspeisen, was uns jedoch nicht oft gelang.

In der Zeit als Amyra ihr tägliches Mittagsschläfchen hielt, wurde soviel wie möglich an Arbeit erledigt, da war kein Raum für Zweisamkeit.

Wir lebten und schufteten zwar zusammen, lebten aber doch irgendwie nicht gemeinsam. So nah und doch so fern. Einer war irgendwo auf Achse und holte noch die dringendst erforderlichen Sachen von da oder dort, der andere betätigte sich am Boot und Amyra irgendwo dazwischen.

Ja, Amyra kam an manchen Tagen zu kurz und hatte nicht die nötige Aufmerksamkeit, welche ein Kind in ihrem Alter noch braucht. Jeder von uns Erwachsenen erklärte ihr kindgerecht wieso, weshalb, warum.

Es war ein Leben wie im Schwebezustand, zwischen Stuhl und Bank. Man ist ohne Heim und fühlt sich bodenlos.

Reden, Fehler eingestehen, sich entschuldigen und dem anderen Zuhören brachte uns schlussendlich nach diesen vier Wochen über die Runden.

 

Endzeit, Lübeck (Umzug an Bord), Mai/Juni 2016

Amyram

Amyra rief oft “hei si” (zuhause sein). Wir erklärten ihr immer wieder, dass Laya unser neues Heim wird. Mit dem Einzug in Laya war dann das “hei si” schlagartig weg. Sie fühlte sich von Anfang an pudelwohl an Bord, jedoch war auch ihr anzusehen: sie wird noch vieles verarbeiten die nächsten Wochen.

 

Jessica

Ich war einfach nur froh endlich an Bord von Laya zu sein. Das Asthma kam und ging, es waren Medikamente nötig. Es kam ein neues Problem dazu, denn mein Blutdruck verabschiedete sich zeitweise in den Keller.

Es gelang mir positiv zu bleiben mit dem Gedanken, es wird besser, irgendwann.

 

Christian 

Sein überaus starker Wille brachte ihn morgens zum Aufstehen. Doch ohne meine Motivation und Zuversicht hätte er nicht mehr weitergemacht. Manchmal stand ihm das ganze Universum im Weg, doch gemeinsam schaufelten wir es zusammen weg.

 

Familie

Der Umzug gab uns neuen Aufschwung und wir wussten, in einigen Wochen wird alles entspannter. Unser neues Leben kann beginnen. Wir lösten die Leinen, obwohl noch einige Baustellen nicht beendet waren, denn sonst kommt man nie weg, auf dem Boot gibt es immer was zu umbauen oder reparieren.

 

Die ersten drei Wochen meer leben, Juni 2016

Amyram

Zappelig und kaum zu bändigen. Braucht sehr viel Schlaf tag und nachts um alles zu verarbeiten. Sie blühte immer mehr auf und in ihrer Entwicklung gab es Fortschritte.

 

Jessica und Christian

Wir Erwachsenen waren einfach nur platt und müde. Das ging soweit, dass ich mal kurz am Strand eingenickt bin. Da zogen wir die Notbremse und entspannten erstmal eine Woche, machten nur das Überlebenswichtigste. Während Amyras Mittagsschlaf legten wir uns auch hin.

Unsere Energie reichte nur noch für uns drei, kein Platz für andere. Wir kapselten uns in Laya und regenerierten einige Tage.

 

Familie

Angekommen: Fehlanzeige. Wir lebten einfach mal so vor uns hin, in der Hoffnung es wird besser. meer leben, wo bist du?

 

Zwei Monate meer leben, August 2016

Amyram

Sie macht enorm grosse Entwicklungssprünge, da kommen Mami und Daddy gar nicht hinterher. Wundervoll wie unsere kleine Löwin immer mehr spricht und sich mitteilen kann.

Der Nuggi ist tagsüber komplett weg.

Die Milch wird mittlerweile genüsslich aus der Tasse geschlürft. Die Schoppenfee hat über Nacht die Flaschen abgeholt und dafür Spielsachen und eine Tasse da gelassen.

 

Jessica und Christian

 

Wir sind endlich am Ankommen. Das Schlafen ist wieder entspannend.

An sonnigen Tagen stellt sich 100% meer leben ein. Das Gefühl von Urlaub ist bei uns abgeflaut, jetzt wissen wir, das ist unser Leben und es fühlt sich richtig an.

Für mich ist es schön zu sehen, dass Christian jetzt auch hautnah an Amyras Leben teilhaben kann. Das abendliche Aufzählen und Erzählen, was Amyra gelernt hat entfällt.

Der Umgang miteinander gestaltet sich wieder viel liebe- und verständnisvoller

Meine Asthma-Medikamente habe ich seit wir hier an der Nordsee sind wieder gaanz tief unten in der Meditasche verstaut. Das Meer heilt so vieles.

 

Familie

Endlich haben wir mehr Zeit für uns. Entspannung und Erleichterung breitet sich aus. Wir sind offener geworden und haben bereits erste Fahrtenseglerfreundschaften geschlossen.

Fazit

Fazit

Wir haben uns sehr viel vorgenommen in kurzer Zeit und den Absprung geschafft.

Wo ein Wille, ein Traum und Zusammenhalt ist, ist auch ein Weg.

Es ist die richtige Entscheidung für ein meer leben gewesen.

Ich denke das totale meer leben wird sich in ca. vier Monaten einstellen. Von heute auf morgen stiegen wir in ein neues Leben ein und es dauert bis wir unsere alte Lebensweise umgestellt haben.

Die Zeit für uns ist wichtig. Wir haben uns füreinander und dann für Amyra entschieden und genau das wollen wir leben, das Uns und das Wir!

 

WieWirUnsVeraendertHaben_2016

 

Jessica

Jessica

Capitana @ SY Laya, Mommy, Labortussi, Funkerin, responsible for all medical questions
Jessica

2 Replies to “Wie wir uns verändern – Vor meer leben und die Anfänge”

  1. Hallo Ihr Drei,
    wow… super ehrlich und mitreisend geschrieben. Ich drücke Euch fest die Daumen dass es sich weiter entspannt und ihr gesund bleibt um das alles genießen zu können. Die letzten Wochen habe ich ab und an schon gedacht, ob es richtig ist was Ihr euch da zumutet, aber Ihr habt es nun geschafft und ich freue mich auf viele weitere, schöne, Blogeinträge.
    Andreas

    1. Hallo Andreas
      Ja, es kommt so wie es kommen muss. ;-) Ein Zurück gab es für uns von Anfang an nicht, nur eine “andere” Auszeit (Australien o.ä.) wäre noch in Frage gekommen, falls das meer leben nicht geklappt hätte.
      Wenn der innere Drang so gross ist, dann findet der Wille immer einen Weg.
      Schön, dass auch du unsere Abenteuer verfolgst.
      Grüsse Jessi, Capitana

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